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Trautes Heim, Glück allein!

von Uwe Hartig


Der Regen hat die kleinen Nebenwege aufgeweicht. Jedes Auto würde bis zur Achse versinken; es fahren aber keine Autos mehr. Ich verschließe gerade das Gartentor, wie meine Mutter es mir beigebracht hatte. Das war vor 78 Jahren. In sonntäglicher Ruhe genieße ich die Natur und übersehe die mörderischen Baggerschaufeln, welche sich bedrohlich hinter meinen Apfelbäumchen ausmachen. Der Braunkohletagebau, geschlossen vor zwanzig Jahren, wurde kurzerhand wieder eröffnet. Baggern lohnt sich wieder. Braune Kohle und schwarzes Öl wird bald in Gold aufgewogen. Ich wiege 71 Kilogramm. Was wiegen eigentlich Erinnerungen?

Meine Gummistiefel hinterlassen ein schmatzendes Geräusch als ich losgehe, und dort, wo der einzige befestigte Weg in der Siedlung, auf die Anhöhe, zu den beiden verfallenen Villen der ehemaligen Fabrikbesitzer führt, sehe ich etwas im Morast der Straße, das so nicht dorthin gehört. Ich ziehe dieses Etwas aus dem Schlamm und betrachte es näher. Ein Damenschuh, wie er um die Jahrhundertwende getragen wurde.

Ich steige die vor mir liegende Anhöhe hinauf und komme zu den beiden alten Villen. Selbst heute als Ruinen sind sie noch schön. Das Einzige, das die Jahre überdauert hat, ist der schmiedeeiserne Zaun zwischen den Häusern, der noch wie neu aussieht. Und plötzlich überkommt mich die Erinnerung. Meine Mutter hat es mir erzählt. Und sie hat es von ihrer Mutter.

Die Besitzer der beiden Villen waren Brüder. Der eine hieß Wagenknecht, der andere, weil die Mutter noch einmal geheiratet hatte, hieß Stübner. Bei aller Gegensätzlichkeit hatten sie doch eines gemeinsam: Sie hassten sich.

Wenn ich die Geschichte erzähle, werde ich nichts weglassen und nichts dazutun, das liegt mir nicht...



Villa Wagenknecht an einem Mittwoch, im Oktober 1907


“Dieser Mistkerl will es tatsächlich auf die Spitze treiben. Doch wenn er glaubt, ich weiche auch nur einen Millimeter zurück, dann hat er sich getäuscht. Ich werde andere Saiten aufziehen!“, sagte Wilfried Wagenknecht und sein fetter Körper bebte. Er schaute durch das Panoramafenster im Wohnzimmer, welches einen schönen Blick auf den nahen See freigegeben hätte, wäre da nicht die Villa seines Halbbruders gewesen.

Es war die Idee ihres Vaters, Wilhelm Wagenknecht - Gott hab ihn selig-, die beiden Brüder auf diese Weise zu Vernunft zu bringen. Wer jahrelang nebeneinander wohnte, dem dürfte es schwer fallen, aneinander vorüberzugehen, dachte er sich. Wilhelm Wagenknecht war ein brillanter Geschäftsmann, der seine Firma in nur wenigen Jahren vom dritten Hinterhof ins Rampenlicht der aufstrebenden Chemieindustrie geführt hatte.

Wie die meistens Leute in seiner Position dachte auch er eines Tages unfehlbar zu sein. Ein Wesen, Gott gleich. Obwohl er selbst vom Gegenteil überzeugt war, verstand er von Menschen nichts.

“Lass gut sein, vielleicht rede ich mit Josephine“, erwiderte Sophie Wagenknecht.

“Untersteh' dich! Du wirst nicht mit dieser ungarischen Hure sprechen. Das verbiete ich dir!“

Sophie erhob sich.“ Das kannst du nicht!“

Seine Schweinsäugelein blickten starr. “Du bist wie diese ungarische Hure...“ - dazu legte er seine schwitzigen Hände so aufeinander, dass kein Platz mehr dazwischen blieb- “...Nichts ohne mich, Niemand! Und das weißt du auch, nicht wahr?“

Sophie schaute auf das wunderschöne Parkett im Zimmer und dachte, dass es dem in dem Schloss ähnelt, in dem sie aufgewachsen war.

Sie stand nah genug, um ihre Hand auf seinen Unterarm zu legen. Er ergriff ihre Hand und drückte diese mit aller Kraft. “Das wird er und seine Hure mir büßen. Das lasse ich nicht auf mir sitzen.“ Ihr spitzer Schrei tat ihm weh. Erschrocken ließ er ihre Hand fahren. Eifrig rieb sie sich die roten Knöchel ihrer Hand.

“Hab dich nicht so...“, sagte er.

“Schon gut, ich kann dich verstehen, doch nicht ich habe den Keller aufgebrochen Frag' deinen Bruder!“

“Diese Ausgeburt von einem...“

“Fluche nicht mein Lieber, wer weiß, was er als Nächstes ausheckt. Dort drüben wohnt ein böser Mensch! Das wissen wir beide.“

“Der gesamte Wein ist verdorben, alles vergärt. Den kann ich in die Gosse lassen. Ein ganzer Jahrgang! Das kostet mich ein Vermögen, den Spott der Winzer nicht eingerechnet.“

“Ich weiß, doch was sollen wir tun? Wir sind zu schwach, außerdem ist er dein Bruder!“

Er sah sie an und sie wäre auf der Stelle gestorben, wenn sie nicht Halt an der Heizung gefunden hätte.

Seine dicken Hände umfassten kurz ihre Schultern.

“Zu Schwach!, du nennst mich zu schwach!?“ Er hob seine Faust; sie wich zurück in dem Augenblick, als die Haushälterin ins Zimmer kam. Mit einem artigen Knicks begrüßte sie die Herrschaften. “Das Essen ist angerichtet.“

Das Ehepaar folgte ihr wortlos, um sofort ihre gewohnten Plätze an der großen Tafel im Esszimmer einzunehmen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

“Darf ich sprechen?“, fragte sie.

Er nickte bedächtig und schob den Rest des großen Fleischstücks auf einmal in seinen Mund. Derart beschäftigt, konnte er ihr angeekeltes Gesicht nicht sehen.

“Ich habe eine Lösung für unser Problem“, sagte sie und begann zu erzählen.

Es war nicht so, dass er ihr nicht zuhörte, aber was konnte ein Vorschlag, der von ihr kam, schon bringen. Frauen waren viel zu weich, viel zu schwach. Eine Frau eben. Seine Gedanken schweiften ab in die Küche.

Wie viel von dem Braten würde noch übrig sein?

In der Zwischenzeit bediente er sich noch einmal kräftig an den Fleischklößen und der Sahnesoße.

Plötzlich drangen die Worte seiner Frau in sein Bewusstsein. Zum zweiten Mal in ihrer Beziehung hörte er seiner Frau zu. Das erste Mal musste noch weit vor ihrer Hochzeit gewesen sein.

Am Ende ihrer Erzählung würde er sich verschlucken, weil er den Fleischkloß in seinem Mund vergessen hatte, aber das wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.



Villa Stübner an einem Mittwoch, im Oktober 1907


Das Parkett stöhnte unter dem energischen Schritt von Karl Stübner. Er wäre ein guter Offizier geworden, wenn sein Mut dazu ausgereicht hätte. Seine Stärke war das Wort. Er konnte Menschen glauben machen, dass er stets die Wahrheit sagte. Wehe dem, der nicht durch einen Freund in die Geschäftspraktiken des Karl Stübner eingeweiht war. Seine Familie, sein Geschäft, sein Lebenswerk waren dann dem Untergang geweiht. Wenn derjenige Glück hatte, so war er nur finanziell ruiniert. Und sein Vermögen fand sich auf irgendeine Art und Weise in den Büchern der Firma Stübner wieder. Selbst Freunde hätten ihn heimtückisch, hinterlistig oder verschlagen genannt. Den letzten Freund, den er hatte, betrog er um 24 Zinnsoldaten.

Umständlich zog Karl Stübner die massiv goldene Taschenuhr aus seiner Weste, die im schönsten Weiß erstrahlte.

“Wo ist eigentlich Emmy?“, fragte er.

“Emmy hat den ganzen Tag in der Küche gewirtschaftet. Ich habe ihr frei gegeben.“

“Du bist viel zu gütig zum Personal!“, antwortete er.

“Hast du mich jemals geliebt?“, fragte Josephine Stübner.

Plötzlich brannte der Schottlandwhisky in seiner Kehle, obwohl er sich längst in Richtung Magen aufgemacht hatte. Dann fragte er sich, was hinter dieser Frage stecken könnte und dass eine Scheidung hinsichtlich ihres Vermögens mehr Nachteile als Vorteile brächte. So wie sie aussah, wollte sie eine Antwort. Er erhob sich und schaute auf das Haus gegenüber.

“Es ist Viertel nach sechs. Jetzt steht er bestimmt wieder hinter seiner Gardine und würde mir am liebsten das Dach über dem Kopf anstecken. Ein einfältiger Geist wie mein Bruder hat solch niedrige Gedanken, musst du wissen.“

“Und du?“

Er versuchte ein Lachen, gab aber sofort wieder auf. Reine Zeitverschwendung, hier, im eigenen Haus.

“In der Zeitung habe ich gelesen, dass dieser Kommunist, dieser Liebknecht, wegen Hochverrats zu Festungshaft verurteilt worden ist. Ich wünschte, er teilte sich mit meinem Bruder eine Zelle und müsste Holzspäne fressen. Es wäre mir das Heiligste, könnte ich persönlich dafür sorgen. Der Friedensnobelpreis wäre mir sicher. Aber nein, da bekommt ihn dieser amerikanische Negerfreund Roosevelt. Nur weil er Russen und Japaner an einen Tisch gebracht hat. Ach was erzähle ich? Ich hätte den Nobelpreis jedenfalls viel eher verdient. Schließlich würde ich die Welt von einer Pest befreien: meinem Bruder.“

Ohne dass er davon Kenntnis genommen hatte, war Josephine Stübner aus dem Zimmer gegangen, um schon kurz darauf wiederzukehren.

Sie riss die Tür zum Zimmer auf und flog in seine Arme, die wie nutzlose Tentakel an den Seiten hingen. Zitternd klammerte sie sich an ihn. Es war heute das zweite Mal, dass seine Frau ihn überraschte.

„Es ist schrecklich! Komm schnell!“ Josephine ging voran und führte ihn in den unteren Flur der Villa. Dort lag, lang auf dem Parkettboden ausgestreckt, der Lieblingshund Karl Stübners, Siegfried, eine riesige Deutsche Dogge.

Unter dem dicken Lederhalsband, in welches der Name des Hundes geprägt war, steckte ein Papierröllchen. Er riss es unter dem Halsband hervor. Die Schrift kam ihm sofort bekannt vor.



Mein lieber Bruder,

ich habe Deinen Hund erwischt als er die Weinvorräte in meinem Keller leer gesoffen hat. Könnte er sprechen, hätte er über Unwohlsein geklagt. Nun kann er nicht einmal mehr bellen. Ich als Weinliebhaber kann sehr gut nachvollziehen, wie sehr du an Deinem Hund hängst.


Hochachtungsvoll

Wilfried Wagenknecht


Das ohnehin kränklich erscheinende Blass im Gesicht Karl Stübners ging über in ungesundes Grau.

“Das ist noch nicht alles, mein Lieber!“, war ihr leises Flüstern zu vernehmen. Er schaute sie an, als hätte sie ihm mitgeteilt, dass er soeben ein großes Vermögen an der Börse verloren hatte. Es kam viel schlimmer.

Sie gingen in den Keller. Das elektrische Licht funktionierte seit Tagen nicht. Die wenigen Kerzen spendeten nur spärlich Licht, doch das was er sah reichte aus, um ihm die verbliebene Contenance aus dem Hirn zu sprengen. Die Tür zu seinem Geldschrank stand weit offen. Dort wo sich sonst Geldbündel tummelten, stand ein Foto des Bruders. Es zeigte ihn lachend.

Selbst ein Arzt hätte nicht für möglich gehalten, dass Blut einfach aufhören könnte zu pulsieren. Doch bei Karl Stübner sah es ganz danach aus. Mit einem Urschrei holte er sich ins Leben zurück und schon war klar, dass alles was sich ihm augenblicklich in den Weg stellen würde, dem Tode geweiht war. Jahrelang aufgestaute Wut, unsagbarer Hass und anerzogene Ohnmacht in dieser Familiensache, fanden den Weg an die Oberfläche.

Dann, auf einmal, war alles ganz einfach.

Er war überrascht, als ihm Josephine seine doppelläufige Jagdflinte brachte. Ein Meisterstück aus Suhl. Der Lauf war aufwendig ziseliert und die Zielgenauigkeit der Waffe suchte ihresgleichen. Sie hätte sein Lieblingsstück sein können. Doch nicht einmal die besaß er für sich allein. Sein Bruder war, Dank seines Vaters -Gott hab ihn selig- im Besitz eines Pendants.

Warum war ihm noch nie aufgefallen, was für eine wunderbare Frau er hatte? Als könnte sie Gedanken lesen. Sie konnte fühlen, was er fühlte. Etwas Warmes erfüllte für einen nur kurzen Augenblick sein Herz.

“Du darfst nicht zu ihm ohne diese Waffe. Dein Bruder ist gefährlich; er ist zu allem imstande. Ich bleibe hier. Ich habe Angst.“, sagte sie.

Angewidert zeigte er auf das Haus seines Bruders.

“Sieh nur, dieser Feigling sitzt im Dunkeln, doch das wird ihm nichts nutzen!“ Tatsächlich war das feindliche Haus in völliger Dunkelheit versunken. Das Kinn weit nach vorn gestreckt, stürmte er los.

Und wieder kam alles ganz anders.


Landgericht 4, Etage 2, Saal 3


„Haben sie noch etwas zu sagen, Angeklagter?“

“Es gab keinen Brudermord. Ich bin unschuldig. Warum glaubt mir das Gericht nicht? Ich habe ihn nicht erschossen; er war schon tot, als ich ins Haus kam. Und ich verstehe auch nicht, warum ein Schuss aus meinem Gewehr fehlt!“, schrie Karl Stübner in den Saal. Sogar der Richter zuckte leicht zusammen, fand aber mit den nächsten Worten die gewohnte Sicherheit: „Und das Geld, das ihr Bruder gestohlen haben soll? Schließlich fanden die Herren Kriminalbeamten- entgegen ihrer Behauptung- alles unversehrt. Sogar 64000 Reichsmark in Gold waren vorhanden. Der Hund, den ihr Bruder umgebracht haben soll, ist vermutlich eines natürlichen Todes gestorben. Auch wurden irgendwelche von ihnen erwähnten Briefe und Bilder nicht aufgefunden. Deshalb verbleibt mir nur eine Meinung. Getragen von blindwütigem Hass haben sie ihren Bruder umgebracht. Eine andere Möglichkeit erschließt sich mir aufgrund der in dieser Sache geführten Ermittlungen nicht. Deshalb halte ich Festungshaft für 17 Jahre für nicht unangebracht.“

“Erheben sie sich!“, sprach der Gerichtsdiener laut in den Saal. Karl Stübner hielt sich die Ohren zu.


Doch später fand er einen Weg, dem Gericht ein Schnippchen zu schlagen. Man fand ihn an einem Schnürsenkel in seiner Zelle aufgehängt.


Noch heute, Jahrzehnte danach, führt man Besuchergruppen durch die Festung und zeigt die Zelle, in der Karl Liebknecht einen Großteil seiner Haft verbracht hatte. Die Nachbarzelle, in deren Wand mit Fingernägeln der Name JOSEPHINE eingeritzt war, beachtet hingegen niemand.


Im Dorf erzählt man sich noch heute hinter vorgehaltener Hand, Josephine Stübner und Sophie Wagenknecht liebten einander wie Schwestern, ohne es zu sein.

 

© 2008  Uwe Hartig

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