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Hier finden Sie nun  ein Anlesekapitel des Romans "Nur der Mann im Mond schaut zu". Viel Spaß beim Lesen!

Wenn die Bewohner der Stadt glaubten, der Winter hätte sich bereits in die fernen Berge zurückgezogen und das Feld dem Frühling überlassen, so waren sie einer Täuschung erlegen. Noch einmal hatte er seine Krallen ausgefahren und schlug seine Zähne in das weiße Fleisch der Stadtbewohner. Die wenigen Sonnenstrahlen waren noch nicht kraftvoll genug, die krankhaft scheinende Blässe aus den Gesichtern der Menschen zu vertreiben.

Eine Joggerin, die seit den Weihnachtsfeiertagen gegen den Winterspeck ankämpfte, bahnte sich ihren Weg am Ufer des kleines Sees entlang. Vorsichtig setzte sie ein Bein vor das andere. Schon mehrmals hatte sie sich über ihre blöde Idee geärgert, den Weg am See zu nehmen. Insgeheim war sie froh darüber, dass sie ihre Brille nicht aufgesetzt hatte. Der dichte Nebel hätte sich ansonsten sofort auf den Gläsern niedergeschlagen. Sie verfluchte die hohe Luftfeuchtigkeit, die ihr das Atmen schwer machte.Wozu eigentlich die ganze Schinderei? Für ihren Mann, der seinen Arsch nicht aus dem Fernsehsessel erhob? Nein! Für den ganz bestimmt nicht. Es war nicht nur sein Hintern, den er seit einiger Zeit nicht mehr hochbekam. Wütend stapfte sie durch den Nebel. Noch einmal hatte sie vor Augen, wie sie die Tür hinter sich zugeschlagen hatte. Blöde Streitereien. Irgendwie uneffektiv. Doch man konnte doch nicht einfach alles so in sich hineinfressen. Nach einigen hundert Metern endlich hörte die Frau auf, sich über ihre Beziehung zu ärgern. Schon etwas entspannter, lauschte sie dem rhythmischen Stampfen ihrer Füße. Die teuren Laufschuhe waren eine gute Investition gewesen. Seitdem sie diese Schuhe trug, hatte sie keine Schmerzen mehr im rechten Knie. Gleich würde sie die Hälfte der Strecke geschafft haben. Das müssten dann so fünf Kilometer gewesen sein. An der Stelle, wo der See im Laufe der Jahrhunderte eine große Ausbuchtung in das Ufer gefressen hatte, ruhte sie immer ein paar Minuten aus. Das Ganze sollte schließlich noch Spaß machen. Im Sommer streifte sie manchmal sogar ihre leichte Joggingbekleidung ab und sprang in den kühlen See. Es war herrlich, wenn das kühle Nass in jede Pore ihrer Haut eindrang und den erhitzten Körper auf seine eigentliche Betriebstemperatur herunterkühlte. Das angenehme Prickeln auf der Haut verlangte stets nach mehr. Doch heute würde sie diesem Verlangen sicherlich nicht nachkommen. Es war viel zu kalt. Ihre Augen durchdrangen den dichten Nebel und ihre Schritte verlangsamten sich. Hier musste es sein. Richtig! Die große frei gespülte Wurzel in Ufernähe war ihr bereits ein Wahrzeichen geworden. Schnaufend trudelte sie die letzten Schritte aus. Dann blieb sie stehen. Mit gekrümmtem Rücken stützte sie ihre Arme auf die Knie und schaute ihrem Atem zu, der sich mit dem dichten Nebel vereinigte. Einige Schweißperlen lösten sich aus dem Gesicht und tropften auf die Erde. Sie sah zu, wie die kleinen Tropfen mit dem Waldboden eins wurden. Dann wandte sie sich dem See zu. Vorsichtig ging sie in die Hocke und benetzte ihre Stirn mit etwas Wasser. Trotz der Kälte verspürte sie das angenehme Prickeln. Sie beugte sich tief über die Oberfläche des Sees, um ihr Gesicht zu betrachten. Wurde sie schon alt? Ihr Spiegelbild bewies das Gegenteil. Eine Frau in den besten Jahren schaute sie an und lächelte. Alles war schön. Als sie sich schon etwas beruhigter erheben wollte, erstarrte sie. Ungläubig schaute sie in das spiegelglatte Wasser, unmittelbar vor ihr. Was war mit ihren Augen los? Warum waren sie so dunkel? Ihre exklusive Joggingbekleidung vergessend, kniete sie sich in die feuchte Wiese des Ufers. Was war mit ihren Augen, verdammt noch mal? Die Nase berührte fast schon das Wasser, doch nichts veränderte sich. Ihre Augen blieben dunkel. Ungläubig starrte sie in die Tiefe. Verdammt! Hätte sie doch ihre Brille auf! Entschlossen griff sie ins Wasser, um die Fata Morgana zu vertreiben. Als ihre Hände auf etwas Weiches stießen, durchfuhr sie das unangenehme Gefühl wie ein Stromschlag. Gelähmt saß sie einige Sekunden auf dem Boden. Noch wollte das Gehirn die Informationsflut der Hände nicht erfassen. Erst als sie nach einiger Zeit erneut angstvoll in das Wasser schaute, begriff sie. Es waren nicht ihre Augen. Dunkle Höhlen starrten sie an. Sie wollte laut schreien, doch die Stimme versagte ihr den Dienst. Nur ein leises Quietschen kam über ihre Lippen. So schnell wie noch nie ließ sie ihre Lieblingsstelle hinter sich und lief davon. Als sie im Nebel mit einem anderen Jogger fast zusammenstieß, hatte sie sich immer noch nicht beruhigt. Nur mühsam fand sie die richtigen Worte, um ihre grausige Entdeckung zu beschreiben. Ihr rechter Zeigefinger wies dabei in eine unbestimmte Richtung. >>Dort hinten... im Wasser... ich wollte doch nur schauen... mein Gott, sie hat mich angeschaut... und ich dachte....<< Der erstaunte Jogger konnte die Frau gerade noch auffangen, bevor ihre Beine einfach wegknickten wie ausgelutschte Strohhalme. Mit seiner anderen Hand ergriff er die kleine Tasche an seinem Gürtel und zauberte ein Handy hervor. Ein dreifaches Piepsen durchbrach die Stille am See. >>Guten Tag, hier ist der Notruf der Polizei, was können wir für Sie tun?<<, erklang es am anderen Ende der Leitung.

Mittags. Zwei Stunden später. Ein großer Teil der Wolken hatte sich verzogen und brachte damit etwas Licht ins Dunkel. Wie geschaffen für Kriminalhauptkommissar, Klaus Rainer Eisenmann, Leiter der zweiten Mordkommission, und seine Mitarbeiter. Das lauschige Lieblingsplätzchen der Joggerin hatte sich in einen brodelnden Polizeikessel verwandelt. Mit seinen tief im Gesicht liegenden Augen betrachtete Eisenmann argwöhnisch das Treiben vor Ort. Wütend schaute er sich nach dem Verantwortlichen der Polizeihundertschaft um. Kaum hatte er diesen erblickt, stieß Eisenmann wie ein aus der Luft kommender Adler zu: >>Herr Polizeikommissar, würden Sie mal bitte herkommen?<< Der junge Polizeikommissar schaute argwöhnisch in die Richtung des älteren, zähen Mannes, den scheinbar nur noch sein alter schwarzer >>Gestapo-Ledermantel<< zusammenhielt. Doch als er den Alten erreichte, musste er seinen Irrtum einsehen. Die Augen Eisenmanns bohrten sich wie glühende Pfeilspitzen in sein Gesicht. >>Sind Sie der Führer dieser grünen Trampeltierherde?<< Verwirrt stotterte der junge Kommissar: >>Ich bin der Hundertschaftsführer, wenn Sie das meinen.<<Eisenmanns Blicke schweiften über das Gebiet. >>Welche Hundertschaft? Ich kann nur 30 Mann sehen.<< Gelangweilt verdrehte Eisenmann die Augen. >>Hat man Ihnen auf der Schule nicht beigebracht, was ein Tatort ist?<< Eisenmann wartete die Antwort des jungen Kommissars gar nicht erst ab. Er fuhr in seiner Belehrung fort: >>Ein Tatort ist der Ort, wo ein im Allgemeinen betrübliches Ereignis stattgefunden hat. In unserem Fall hat dieses Ereignis eine ältere Dame das Leben gekostet. Und da ich nicht davon ausgehe, dass diese Dame im März baden gehen wollte und ihre Leiche auch keine Schlittschuhe trägt, vermute ich eine unnatürliche Todesursache. Stimmen Sie mir zu?<< Der junge Kommissar nickte unwillig. Eisenmann fuhr fort. >>Warum, zum Teufel, glauben Sie, sind wir hier? Vielleicht um zu sehen, wie schön es hier ist? Um die Sonne zu genießen oder vielleicht doch, um alles zu versuchen, die Umstände des Todes dieser armen Frau aufzuklären?<< Nur mühsam konnte Eisenmann seine Wut unterdrücken. >>Wenn Sie mir zustimmen sollten, dann bewegen Sie Ihren Hintern zu Ihren Männern und sperren Sie den Tatort weiträumig ab. Vielleicht ist Ihnen die kleine Menschenansammlung entgangen, die nur 30 Meter vom Fundort entfernt mögliche Spuren zertrampelt. Von Ihren Männern ganz zu schweigen. Wie ein Haufen wild gewordener Stiere rammeln sie über die Wiese. Sperren Sie den Fundort großräumig ab, kennzeichnen Sie eine kleine Gasse, in der sich Ihre Männer bewegen und sehen Sie zu, dass Sie diese Gaffer zurückdrängen. Ich staune sowieso, dass die Presse noch keinen Wind bekommen hat, ansonsten sind die doch schneller als wir am Tatort. Und nun machen Sie endlich! In jeder Sekunde kann eine wertvolle Spur vernichtet werden.<< Eisenmann wandte sich demonstrativ ab und dem Fundort der Leiche zu. Der junge Kommissar versuchte einen Einwand. >>Wir haben schon seit drei Wochen kein Absperrband. Die Stadt ist pleite, wir haben nicht mal mehr dafür Geld.<< Wie von der Tarantel gestochen, drehte sich Eisenmann um. >>Sehe ich vielleicht aus, als könnte ich mir rot-weißes Absperrband, auf dem >>Polizei<< steht, aus dem Hintern ziehen? Und jetzt bewegen Sie sich, sonst können Sie eine Beförderung in den nächsten Jahren vergessen, dafür werde ich persönlich sorgen! Meinetwegen sammeln Sie weiße Kieselsteinchen und markieren damit den Tatort, aber machen Sie endlich Ihren Job!<<

Eingebildetes Kriposchwein, dachte der junge Kommissar. Der glaubt wohl, dass er etwas Besseres ist. War es seine Schuld, dass diese blöde Stadt pleite ist und schon seit Wochen nicht einmal mehr Absperrband zu bekommen war? Hatte er vielleicht die Steuermilliarden in den Sand gesetzt und verbrachte trotzdem seine Winter unbehelligt in warmen Ländern? Nein! Ihm hatte man hier und da etwas vom Gehalt gekürzt, ganz still und leise, versteht sich. Doch was soll’s, dafür war sein Job sicher. Einmal mehr würde er sich sinnloserweise in diese Gedanken hineinsteigern. Ändern würde sich sowieso nichts. Doch in einem Punkt hatte der alte >>Gestapoknochen<< recht, der Tatort musste ordentlich abgesperrt werden. Die Menge der Gaffer war bereits beträchtlich angeschwollen. Mittendrin sah er bereits erste Kameraobjektive aufblitzen.Der junge Kommissar winkte einen seiner Männer heran. >>Geh zum Wagen und hole das Absperrband, das wir gestern besorgt haben. Wir müssen versuchen, die Menge zurückzutreiben. Macht das aber ruhig.... Stress können wir hier nicht gebrauchen.<< Eine halbe Stunde später war die Menge zurückgedrängt. Die dünne Absperrbahn aus Plastik flatterte im Wind. >>Baubüro Willy Richter & Söhne<< prangte in dicken Lettern auf ihr. Eigentlich könnte die Polizei auf diese Art und Weise gutes Geld damit verdienen, dachte sich der junge Kommissar. Doch wer will schon mit einer Leiche werben?

Dunkel ist die Welt. Schatten umgeben mich. Schwarze Flecken, die herumwabern und ohne Bedeutung sind. Tiefe, dröhnende Töne, die versuchen, durch meine Ohren in mein Hirn zu gelangen. Doch sie sind ebenso bedeutungslos, wie die Schatten. Sie haben keine Konturen, keine Seele. Ebenso wie ich.

Die Quelle dieser Gedanken stand in der Menschenmenge, die sich am Rand der weitläufigen Absperrung befand und sensationsgeil versuchte, einen Blick auf den Fundort der Leiche zu erhaschen. Die Menschentraube agierte wie ein organischer Körper, ähnlich dem eines Drogensüchtigen, der verzweifelt versucht, an den begehrten Stoff zu gelangen. Die Personen, die in der ersten Reihe standen und direkten Blick auf das Geschehen hatten, übernahmen dabei die Rolle der Augen. Die etwas abseits, aber immer noch in der ersten Reihe Stehenden bildeten die Arme. Die Masse an der Absperrung riss und drückte, um dem Ersehnten näher zu kommen. Die in der Mitte der Menge Stehenden waren der Mund, der das Begehren des Körpers in Worte fasste. Die, welche ganz hinten standen, formten Leib und Beine, sie gaben dem Körper Antrieb, gegen die Absperrung zu drücken, um endlich in Besitz des Stoffes zu gelangen. Sie alle zusammen bildeten ein kollektives Gehirn.Nur Ohren schien dieser Körper nicht zu haben, da er keine Reaktion auf die verzweifelten Rufe der an der Absperrung stehenden Polizisten zeigte.Nur einer unter ihnen fügte sich nicht der Masse. Er war wie ein Virus, ein Fremdkörper, der nicht dem Gehirn gehorchen wollte und keinen Beitrag leistete, das Funktionieren des drogensüchtigen Körpers zu sichern. Er stand einfach in der Mitte der Masse und beobachtete ruhig durch die Menschenmassen hindurch das Geschehen jenseits der Absperrung. Er sah, wie Männer in weißen Anzügen Fotos schossen und immer mehr Polizisten eintrafen. Er konnte auch sehen, wie langsam mit der Spurensicherung begonnen wurde. Er sah das alles und fühlte, wie sich die Erinnerung in sein Hirn brannte. Schließlich war er es gewesen, der diesen Polizisten einen Grund gegeben hatte, heute an diesen Ort zu kommen, um zu arbeiten.

Noch einmal ließ er den gestrigen Tag wie einen alten Film an sich vorüberziehen. Es war kalt. Der Winter wollte noch immer nicht loslassen und hielt die Stadt in seinen eisigen Klauen fest. Wie ein Raubtier, das sein Opfer im Maul hält und sich durch nichts und niemanden dazu bewegen lassen würde, von ihm abzulassen. Es war schon abends und der Tag war vollkommen verschwunden, als hätte er es für immer aufgegeben, gegen die Nacht zu kämpfen.

Er saß auf dieser unbequemen Holzbank in der Kirche. Er konnte sich gar nicht mehr genau erinnern, was er dort wollte. War er überhaupt gläubig? War er ein Christ? Er wusste es nicht. Jedenfalls saß er mit gefalteten Händen in der Kirche, wie schon so oft, doch er betete nicht. Er beobachtete die schwarzen Schatten, die sich Menschen nannten. Hörte auf die Geräusche, die sie von sich gaben, und roch ihre Ausdünstungen. Das alles spielte sich vor der Kulisse des Kreuzes ab. Er sah den gekreuzigten Mann, der Jesus genannt wurde und den all diese Schatten um Vergebung baten für ihre Sünden. Würde Jesus sie hören? Darauf gab es für i h n keine Antwort. Aber er hörte die Menschen, hörte das leise Flüstern und Schluchzen. Auf eine gewisse Art und Weise erregte es ihn. Er wusste, dass all diese Schatten, die sich hier befanden, nicht frei von Sünde waren. Warum sollten sie sonst diesen Ort aufsuchen. Während er seinen Gedanken nachhing und die Kulisse ganz in sich aufnahm, sah er sie. Er erkannte sie. Er wusste, dass sie es war. Obwohl es eigentlich nicht möglich war. Er hatte ihren Schatten doch schon im Licht verschwinden lassen. Doch sie war es. Er war sich sicher. Sie konnte es nur sein. Auch wenn sie nur ein Schatten war. Er unterschied sich jedoch deutlich von den anderen. In diesem Schatten steckte Schuld, tiefe Schuld. Der Schatten bekreuzigte sich vor dem Zeichen Gottes, erhob sich und lief an ihm vorbei. Ziemlich genau in der Höhe der Reihe, in der er saß, ließ der Schatten eine der anscheinend schweren Taschen fallen, die er trug. Das war für ihn das Zeichen. Gott hatte ihn erhört. Sie war es.>>Kann ich Ihnen helfen?<<, sprach er sie an und eilte schon durch die Reihe auf sie zu, um die Tasche für sie aufzuheben. Sie, eine 53-jährige, im Leben stehende Frau, gut angezogen, sah ihn herannahen und machte keinerlei Anstalten, diese aufzuheben. Er lächelte sie an und nahm ihre Tasche. >>Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen, junger Mann.<< >>Das ist doch selbstverständlich. Ich helfe Ihnen gerne. Darf ich Ihnen die Tasche zu Ihrem Auto tragen?<<

>>Danke. Aber ich bin zu Fuß hier.<<

>>Dann trage ich Ihnen die Tasche nach Hause. Ich kann gar nicht mit ansehen, wie Sie sich abschleppen.<<

Die Frau überlegte kurz. Der Mann, der sicher noch keine vierzig Jahre alt war und ein ehrliches und freundliches Gesicht hatte, gefiel ihr. Seit ihrer Scheidung vor fünf Jahren hatte sie keinen Sex mehr gehabt. Sie wusste, dass das ein törichter Gedanke war. Aber dennoch, vielleicht würde sich ja doch etwas ergeben. Wenn nicht, war sie einfach nur darüber glücklich, dass ihr jemand beim Tragen half. Kaum hatte sie das gedacht, schämte sie sich schon für diese Gedanken. Du alte Schabracke, schoss es ihr durch den Kopf, schließlich war der Mann um bestimmt fünfzehn Jahre jünger und sie dachte daran, mit ihm ins Bett zu steigen. Was Einsamkeit doch so bewirkte. Sie sah sich jetzt den Mann genauer an und ihr fiel auf, dass dieser zwar immer noch lächelte und ein wirklich nettes Gesicht hatte, seine Kleidung allerdings zu wünschen übrig ließ. Die dunkelgrüne Jacke war abgewetzt und seine hellblaue Jeans schien schon lange nicht mehr gewaschen worden zu sein. Er hatte einen Drei-Tage-Bart und sein Haar schien nur notdürftig mit Gel oder ähnlichem gezähmt worden zu sein. Doch schließlich antwortete sie ihm: >>Das wäre sehr nett. Ich wohne auch nicht weit entfernt.<<Sie verließen zusammen die Kirche. Er hatte ihr noch eine weitere Tasche abgenommen, so dass sie jetzt beide zwei Taschen trugen. Die Nacht hatte bereits ihren schwarzen Mantel über der Stadt ausgebreitet. Während sich das ungleiche Paar zu Fuß durch die Straßen bewegte, entwickelte sich ein Gespräch über allerlei belanglose Themen. Sie genoss es wie schon lange nicht mehr, mit jemandem zu reden. Ja, sie traf sich regelmäßig mit ihren Freundinnen, aber dass war nicht das Gleiche. Sie spürte diese gewisse Anspannung oder Erregung, wenn sie der Stimme des Mannes lauschte, der so selbstlos ihre Taschen trug. >>Wir sind da. Ich danke Ihnen. Wie ist eigentlich Ihr Name?<<Der Mann sagte ihr seinen Vornamen und lächelte sie an. Sie nannte ihren Namen. >>Haben Sie nicht noch Lust, Essen zu gehen?<<, fragte er sie unvermittelt, während sie die Treppen des Altbau-Mehrfamilienhauses hochgingen. Sie überlegte einen kurzen Augenblick und entschied schließlich: >>Warum nicht. Ich hatte heute eh nichts mehr vor.<< Er lächelte sie an: >>Schön!<<Im zweiten Stock angekommen, standen sie vor einer weißen Tür. Sie stellte die Taschen ab und schloss ihre Wohnungstür auf. Noch einmal überlegte sie für den Bruchteil einer Sekunde. Doch ihr Blick in das Gesicht des jungen Mannes beruhigte sie. Gemeinsam betraten sie eine sehr große Wohnung, die altmodisch aber stilvoll eingerichtet war. Man sah sofort, dass es beim Einrichten der Wohnung nicht an Geschmack und Geld gemangelt hatte. >>Stellen Sie die Taschen einfach in den Flur!<<, rief sie dem sympathischen Mann zu, während sie im Dunkel der Wohnung verschwand. Er folgte ihrer Anweisung und strich sich durch sein Haar. >>Möchten Sie etwas trinken?<<, hörte er ihre Stimme aus den Weiten der Wohnung zu ihm hallen. >>Gern<<, erwiderte er. >>Ach was, nehmen Sie sich doch einfach etwas aus dem Kühlschrank. Die Küche ist gleich die nächste Tür rechts.<<Er stand noch an der Wohnungstür und begab sich nun in die Küche. Er tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn und schaltete das Licht ein. Nach einem kurzen Flackern erhellte das kalte Neonlicht eine im Gegensatz zur restlichen Wohnung modern eingerichtete Küche. Er öffnete den Kühlschrank und nahm sich daraus eine angebrochene Flasche Mineralwasser. Er hielt kurz inne und stellte sie dann doch wieder zurück. Er hörte, wie sich die Frau in einem Zimmer am Ende des Flures aufhielt. Wahrscheinlich zog sie sich um. >Haben Sie etwas gefunden?<<, kam es aus diesem Zimmer.>>Ja. Danke.<<Er lehnte sich an die mehr als saubere Arbeitsplatte dieser mehr als modernen Küche und wartete. Nach nur wenigen Minuten erschien die Wohnungsinhaberin wieder. Erst jetzt bemerkte er, dass sie für ihr Alter eine akzeptable Figur hatte. Aber das war ihm eigentlich egal. Sie hatte sich umgezogen. Wie aber auch schon in der Kirche trug sie ein Halstuch. Nicht zuletzt daran hatte er sie ja auch erkannt. Er fragte sich, wie lange sie das Spiel mit ihm spielen wollte. Warum gestand sie nicht endlich. Warum bat sie ihn nicht um Verzeihung? Mehr wollte er doch nicht.>>Wollen wir gehen?<< Sie sah ihn ungeduldig an. >>Natürlich.<< Wie lange würde die Maskerade noch gehen, dachte er bei sich, während sie die Wohnung verließen.

© 2005 Heiko Vesper / Uwe Hartig

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