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Hier präsentieren wir Ihnen eine kleine Kurzgeschichte. Wir hoffen natürlich, dass sie Gefallen findet und  Ihnen die Wartezeit auf unseren Roman ein wenig verkürzt.

Viel Spaß beim Lesen

Heiko Vesper




Eine kleine Geschichte über das Töten
von Heiko Vesper

Erdrückende Dunkelheit kroch in jeden Winkel des kalten, spärlich möblierten Kellerraumes. Sie hielt alles gefangen und erlaubte keinerlei Hoffnung auf die Rückkehr des Lichtes. Auch der Körper des vierzigjährigen Mannes, der in der Mitte des Raumes an einen Stuhl gefesselt war, war völlig von der Finsternis umschlossen; sie schien in jede Pore seines Körpers vorzudringen. Das Bewusstsein des Gefesselten schwebte ebenfalls in der tiefen Schwärze des Nichts. Nur ab und zu durchdrang ein Fetzen Erinnerung die Düsternis und zeigte dem Schlafenden die Bilder, die er sah, kurz bevor ihn die Bewusstlosigkeit umarmt hatte: ein Waldstück; sein Atem, der sich als kleiner, grauer Nebel vor seinem Mund bildete; eine junge Frau, die mit ihrem Hund spazieren ging. Dann das Gesicht eines jüngeren Mannes.
 

Das sich plötzlich ausbreitende Licht drang bis in die Traumwelt des Bewusstlosen vor und verjagte auch hier die Schwärze. Der Gefesselte erwachte. Zu seinem eigenen Erstaunen benötigte er nur wenige Sekunden, um sich zu orientieren. Er fand sich in einem fast leeren Keller wieder. Der Raum maß schätzungsweise zwanzig Quadtratmeter. Fenster existierten nicht. Wie es ihm schon seine schmerzenden Handgelenke signalisierten, war er mit den Armen auf dem Rücken an einen Stuhl gefesselt, der sich im Zentrum des Raumes befand. Dem Mann gegenüber befand sich lediglich eine kahle, weiße Wand. Rechts von ihm stand eine kleine Werkbank, auf der ein silberfarbenes Tablett lag. Zum Entsetzen des Mannes lagen auf diesem wiederum mehrere Instrumente. Es waren in der Mehrzahl Skalpells und Messer in verschiedenen Größen und Formen. Abgerundet wurde dieses Set von diversen chirurgisch wirkenden Zangen und spitzen Instrumenten, die er noch nie zuvor gesehen hatte, von denen er sich aber durchaus vorstellen konnte, dass sie Verwendung in der Medizin fanden. Der Mann wandte seinen Blick ab und schaute sich weiter in seinem Gefängnis um. Links vor ihm stand eine moderne und neu wirkende Stehlampe, deren Lampenkopf man flexibel drehen und kippen konnte. Sie strahlte ihm direkt ins Gesicht. Plötzlich durchdrang ein klappendes Geräusch die bislang anhaltende Stille. Es kam von einer schweren Metalltür, die sich hinter dem Gefangenen befand. Der Gefesselte versuchte sich umzudrehen, was ihm jedoch nicht gelang. Resignierend ließ er seinen Kopf auf die Brust sinken. Anschließend näherten sich ihm Schritte. Langsam aber unaufhaltsam umkreisten sie ihn, bis sie schließlich genau vor ihm verstummten. Zögernd hob der Gefangene seinen Kopf und schaute nun in das Gesicht, das ihm vor wenigen Minuten in den Träumen seiner Bewusstlosigkeit erschienen war. Es gehörte einem jungen, maximal dreißigjährigen Mann mit mittellangen, dunkelblonden Haaren und einem ebenmäßigen, perfekt rasierten Gesicht. Er trug eine Brille mit einem dicken, schwarzen und dennoch modernen Gestell. Im Gegensatz zu dem am Stuhl Gefesselten war der andere von schlanker, fast schlaksiger Statur. Dem Mann auf dem Stuhl sah man trotz der dicken Kleidung, die er trug, an, dass er überdurchschnittlich muskulös war. Auch sonst unterschied sich dieser von dem anderen. Er hatte nur noch wenige graue, sehr kurze Haare. Seine Wangen lagen unter einem Schatten eines Drei-Tage-Bartes und seine grauen Augen blickten hart durch die halb zusammengekniffenen Augenlider.
»Verdammte Scheiße! Was soll der Mist, Kleiner?«, sprach der Gefesselte den anderen an. Dieser blinzelte hektisch und drehte sich schlagartig um, sodass er nun mit dem Rücken zu dem Gefangenen stand.
»Mach mich los. Komm schon. Du lässt mich gehen und alles wird gut.« Der Gefesselte machte eine Pause. Der andere stand immer noch mit dem Rücken zu ihm. Der Gefangene holte tief Luft und fuhr dann fort: »Ich erzähle auch keinem von deiner kleinen … Folterkammer. Versprochen! Wenn du mich allerdings hier noch länger festhältst, werde ich wirklich böse und dann ...«
»Ruhe!« Jetzt hatte sich der andere Mann umgedreht und schrie seinen Gefangenen an. Seine Gesichtsfarbe glich der eines rohen Rindersteaks. Der Gefesselte zuckte fast unmerklich zusammen und wartete ab.
»Sie sollen ruhig sein. Sonst werde ich Sie knebeln oder am besten gleich umbringen.«
»Hast du mich deswegen in dieses Loch gebracht? Du willst mich umbringen? Aber was soll das? Wir kennen uns doch gar nicht.« Während der Gefangene sprach, arbeiteten seine Hände an den Fesseln, die es ihm unmöglich machten, sich zu erheben. Das ständige Zerren, bewirkte, dass sich die Stricke langsam aber stetig lockerten. Der Entführer drehte sich wieder um und ging dann schließlich um den Stuhl herum zu der Wand, die sich im Rücken des Gefangenen befand. Sofort stoppte dieser seine Arbeit an den Fesseln. Der andere nahm, ohne dass es der Gefesselte sehen konnte, ein Pinnbrett ab, das an einem Nagel an der Wand hing. Dann ging er mit diesem zurück, baute sich vor dem auf dem Stuhl Sitzenden auf und hielt es ihm vor das Gesicht. Sofort nahm dieser wieder seine Entfesselungsversuche auf.
»Lesen Sie!«, fuhr der Entführer sein Opfer an. Der Angesprochene tat wie ihm geheißen und ließ seinen Blick über das Pinnbrett schweifen. Mit dutzenden kleinen Nadeln waren auf dem Kork etliche Zeitungsausschnitte aufgespießt. Schon um Zeit zu schinden, las sich der Mann die einzelnen Artikel sorgfältig durch. Sie alle handelten von der gleichen Sache: Seit etwa vier Jahren ging ein Serienmörder in der Nähe seines Wohnortes um. Seine Opfer waren sowohl Frauen als auch Männer, die er grausam umbrachte, zerstückelte und deren Körperteile er anschließend per Post an die Hinterbliebenen schickte. Trotz größter Bemühungen seitens der Polizei gab es bislang keine heiße Spur und das obwohl der Täter alle Morde in einem relativ kleinen Gebiet verübte. Doch er hinterließ niemals Spuren, und Zeugen gab es ebenfalls nie. Der Gefesselte musste trotz der Trockenheit, die in seinem Mund herrschte, schlucken. Langsam stieg eine unbestimmte Angst in ihm auf. Seine Finger arbeiteten mit noch mehr Kraft an den Stricken. Er konnte schon beinahe eine Hand befreien. Er musste durchhalten.
»Was sagen Sie dazu?«, unterbrach der Entführer die Stille, die in den letzten Minuten den Keller beherrscht hatte. Der andere dachte nach. Er wollte keinen Fehler begehen. Während seine Hände immer noch an den Fesseln arbeiteten, antwortete er: »Was soll ich schon dazu sagen? Sie haben ...« Er stockte, da er nach den richtigen Worten suchen musste. Der Mann mit dem Pinnbrett nutzte diese Pause: »Sie haben doch sicher schon von diesen Morden gehört, oder?!« Er stellte die Pinnwand auf die Werkbank und wartete eine Antwort seines Gefangenen gar nicht erst ab. Stotternd begann er seine Erklärung: »Sie müssen wissen ... Ich bin Schriftsteller. Das heißt, ich will Schriftsteller werden. Ich will Kriminalgeschichten schreiben ...«
Langsam entspannte sich der auf dem Stuhl Sitzende wieder, ohne jedoch von der Arbeit hinter seinem Rücken abzulassen. Mit ruhiger und tiefer Stimme unterbrach er seinen Entführer: »Und was habe ich damit zu tun. Willst du mir Angst einjagen? Oder noch schlimmer: Willst du mir eine deiner Geschichten vorlesen und hast mich deshalb an einen Stuhl gefesselt, damit ich nicht abhauen kann?«
»Ich … ich habe mir immer und immer wieder anhören müssen, dass man überzeugende und gute Geschichten nur schreiben kann, wenn man darin eigene Erfahrungen verarbeitet. Wieder und wieder lehnte man meine Geschichten ab; sie seien zu naiv. Aus diesem Grund dachte ich, dass ich ...«
»Was? Dass du jemanden entführst, um ihn dann umzubringen?«
»Fast«, verstohlen blickte der Mann, der vorgab Schriftsteller zu sein, auf das Tablett mit den Messern und chirurgischen Instrumenten, »Ich … werde sie nicht sofort töten … nicht sofort.«
Mit diesem Worten wandte sich der Mann ab und ging auf die Werkbank zu, auf der das Tablett lag. Die Finger des Gefesselten lockerten die Stricke Stück für Stück. Der Gefangene zog immer weiter, bis seine rechte Hand endlich befreit war. Doch er durfte jetzt nichts überstürzen. Erst wenn auch die linke frei wäre, hätte er eine Chance dem Wahnsinnigen zu entkommen. Glücklicherweise stand dieser – immer noch von seinem Gefangenen abgewandt – vor der Werkbank und tastete über die vor ihm liegenden Instrumente. Er führte seinen Monolog fort: »Ich habe lange im Wald auf die passende Person gewartet. Erst dachte ich, dass ich die junge Frau, die mit ihrem Hund Gassi ging, töten müsste.« Eine kurze Pause ließ den Gefangenen hoffen, seine Fesseln lösen zu können, bevor der andere sein Werk beginnen würde. Dieser nahm nun eines der Skalpells in die Hand und drehte sich um. Er stand jetzt direkt vor seinem Opfer und beendete seine Ausführung mit folgenden Worten: »Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das gekonnt hätte. Außerdem hätte ich ja dann auch irgendwie den Hund überwältigen müssen. Ich habe noch mit mir selbst gehadert, als ich Sie plötzlich sah. Ein Mann, ganz alleine im Wald, der eine junge Frau angafft.« Bei diesen Worten wurde das Gesicht des Schriftstellers förmlich zu einem Fragezeichen. Erst in diesem Moment schien er über diese Situation zu reflektieren. »Was haben Sie da eigentlich getan?« In diesem Moment rutschte auch die linke Hand aus ihrer Fesselung. Obwohl auch die Füße an den Stuhl gebunden waren, stand der Gefangene mit einem Ruck auf und warf sich brachial mitsamt Stuhl auf seinen Entführer, der zu keiner Gegenwehr mehr imstande war.


Mit blutüberströmtem Gesicht und geschwollenen Augen saß der angehende Schriftsteller auf dem Stuhl, an den bis vor wenigen Minuten noch der Mann gefesselt war, den er sich als Opfer auserkoren hatte. Seine Brille lag zerbrochen vor ihm auf dem Fußboden. Seine gefesselten Hände und Füße schmerzten. Die Finger konnte er kaum noch spüren, da die Stricke die Blutzufuhr stark drosselten. Es dauerte einige Minuten, bis sich der Schleier vor seinen Augen lichtete. Dann sah er den Mann, den er vor nur wenigen Stunden entführt hatte. Den Mann, der im Wald versteckt, eine junge Frau zu verfolgen schien. Jetzt fiel ihm auch wieder ein, dass er diesem ein Jagdmesser abgenommen hatte, nachdem er ihm von hinten einen Lappen mit Chloroform auf Mund und Nase gepresst hatte. Im Nachhinein ergab alles einen Sinn. Jäh wurden die Überlegungen des Schriftstellers durch die Stimme des anderen unterbrochen.
»Na, wieder wach? Oh Mann, ich kann es gar nicht glauben. Da habe ich mir gerade mein nächstes Opfer ausgesucht – sie war perfekt – und dann kommst du dazwischen und ziehst hier so eine schlechte Nummer ab.« Der Mann beugte sich zu dem nun Gefesselten hinab. »Was hast du dir dabei eigentlich gedacht? Scheiße! Jetzt muss ich wieder eine Ewigkeit warten, bis sich wieder mal eine so wunderbare Gelegenheit ergibt.« Der Mann wandte sich von dem auf dem Stuhl Sitzenden wieder ab und der Werkbank zu. »Falls es dich interessiert: Anfangs hatte ich schon ein bisschen Sorge. Ich dachte schon, dass du irgend so ein durchgeknallter Angehöriger eines meiner Opfer bist und dich nun an mir rächen willst. Aber die Geschichte mit dem Schriftsteller ist herrlich. Und weißt du was? Sie gefällt mir so gut, dass ich es nicht über das Herz bringe, dich zu töten. Nein. Ich werde dir vielmehr ein Geschenk machen.« Mit diesen Worten nahm der Mann ein Skalpell von dem Tablett und näherte sich dem Schriftsteller.
»Was haben Sie vor?«, fragte der Gefesselte mit zittriger Stimme.
»Ich werde dir sagen, was ich vorhabe. Du wolltest Erfahrungen machen? Nun gut. Du wirst Erfahrungen machen. Ich verspreche dir, dass du viele Erfahrungen machen wirst. Ich denke, dass es Stunden, wenn nicht sogar Tage dauern wird, bis dein Fleisch ausreichend Erfahrungen gesammelt hat. Es wird ein Heidenspaß.«
»Bitte … «
»Was hast du denn auf einmal? Sei mir doch dankbar. Du kannst dann deine Bücher zumindest glaubhaft aus der Sicht der Opfer schreiben.« Der Mund des Mannes mit dem Skalpell formte ein boshaftes Lächeln. »Ich habe auch schon einen Titel für dein nächstes Buch: Ich und der Mörder. Wie gefällt dir das?«
Der Gefesselte erstarrte vor Angst; er war keines Wortes mehr fähig. Tränen liefen über seine geröteten Wangen und vermischten sich mit dem Blut, das aus seiner Nase lief.
»Zwei Sachen musst du mir allerdings noch geben, damit ich dich am Leben lassen kann. Du sollst mich ja später nicht identifizieren können … «
Mit diesen Worten näherte sich die Hand mit dem Skalpell langsam aber bestimmt dem rechten Auge des Gefesselten. Niemand konnte die Schreie des Mannes hören, der den Keller für sein Vorhaben, Erfahrungen zu sammeln, so sorgfältig ausgewählt hatte.

ENDE

© 2005 Heiko Vesper

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