Home
Über uns
Der Roman
Anlesekapitel
Kurzgeschichte U.H.
Kurzgeschichte H.V.
Fortsetzungsroman
Lyrik-Ecke
Termine
Kontakt-Formular
Gästebuch
Impressum/Copyright

Auf dieser Seite wird Ihnen ein Fortsetzungsroman vorgestellt.

Wir würden uns über Kommentare freuen.

Außerdem ist die Geschichte in einem bestimmten Rahmen von Ihnen beeinflussbar: einfach eine E-Mail an webmaster@diekommissare.de schicken und Ihre Idee mitteilen, wie die Geschichte weitergehen könnte bzw. wie sich unsere Hauptfigur verhalten soll.

Blutige Schuld

von Heiko Vesper


Dicke Regentropfen klatschten unermüdlich gegen die milchige Fensterscheibe. Die Kälte, die jedem einzelnen Tropfen innewohnte, begann langsam auch von mir Besitz zu ergreifen. Ich saß vornübergebeugt auf einem alten Sessel, dessen verschlissener Bezug an einigen Stellen Löcher aufwies. In meiner rechten Hand hielt ich eine schwarze Pistole. Der Hahn war noch – bedingt durch die kürzlich erfolgte Schussabgabe – gespannt. Mit zittrigen Händen tastete ich nach dem Entspannhebel und drückte ihn nach unten. Meine eigene Waffe hing noch sicher an ihrem Platz in meinem dienstlich gelieferten Schulterholster unter meinem linken Arm. Der Eigentümer der sich in meiner Hand befindlichen Pistole lag blutend zu meinen Füßen. Endlich, nach einigen Minuten oder vielleicht auch nur Sekunden Todeskampf, die mir jedoch wie Stunden vorgekommen waren, rührte er sich nicht mehr. Ich hatte ihn getötet.


Während der Himmel endlose Wassermassen auf die Erde schüttete, ließ ich das Geschehene vor meinem inneren Auge Revue passieren. Ich hoffte, wenigstens im Nachhinein erkennen zu können, wann ich den entscheidenden Fehler gemacht hatte.

Ich bin Polizist. Genauer gesagt: Kriminalpolizist. Ich hatte mich alleine in dieses heruntergekommene Wohnhaus begeben, um lediglich abzuklären, ob ein bestimmter Name an einer der Wohnungstüren verzeichnet ist. Ich arbeite in einem Betrugskommissariat und diese Ermittlungen gehörten zur Vorbereitung einer demnächst angesetzten Durchsuchung. Standardverfahren. Es war wirklich nicht zu erwarten, dass die Sache länger dauert oder sogar gefährlich wird. Meine Waffe hatte ich eigentlich ebenfalls nur aus Gewohnheit dabei. Letztendlich hatte ich sie ja tatsächlich nicht gebraucht. Aber zurück zum Anfang. Darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit zu erregen schlich ich leise durch den Hausflur und erklomm eine Treppe nach der anderen. Im dritten Obergeschoss endlich las ich an einer rotbraunen Holzkassettentür den Namen, den ich suchte. Ich drehte mich wieder um, mit dem Ziel das Haus so schnell wie möglich zu verlassen. An der Tür, die der gesuchten gegenüber lag, stockte ich kurz. Wie mir schon vorher aufgefallen war, befand sich an dieser Tür kein Name. Das ist zwar durchaus nicht ungewöhnlich für ein derartiges Berliner Mietshaus, aber mir kam kurz der Gedanke, dass es ja auch durchaus sein konnte, dass diese Tür ebenfalls zur gesuchten Wohnung gehörte. Das wäre der Fall, wenn zwei Wohnungen zusammen gelegt worden waren. Ich stand also vor dieser Tür und überlegte gerade, ob ich bei der Hausverwaltung nachfragen sollte, was nicht selten für mehr Aufregung sorgte, als dass es für die Durchsuchung nutzte. Noch unentschlossen näherte ich mich der Tür und drückte mein Ohr gegen das Türblatt. Kaum hatte ich das glatte, kalte Holz berührt, gab die Tür plötzlich nach. Oder besser gesagt, sie wurde von innen geöffnet. Ich verlor fast das Gleichgewicht und stolperte dem Mann in die Arme, der für die Öffnung verantwortlich war. Ich suchte sofort nach erklärenden Worten. Doch der Fremde war an keiner Erklärung interessiert. Er ergriff meine Arme und zog mich in die Wohnung. Nun stolperte ich endgültig und landete hart auf dem Flurboden. Bevor ich es schaffte, aufzustehen, fing der Mann an, nach mir zu treten. Ich rollte mich über den Boden. Ich versuchte einfach, den Tritten auszuweichen. Mein Verstand arbeitete nur reduziert. Die Bilder, die ich wahrnahm, wechselten zwischen dem wütenden Gesicht des Fremden, seinen wirbelnden Füßen und der geschmacklosen Inneneinrichtung der Wohnung. Plötzlich sah ich jedoch noch etwas anderes: ein nackter, blutüberströmter Frauenkörper. Er lag auf dem Fußboden des Badezimmers, an dem ich auf meiner Flucht vor den Tritten vorbeigerollt war. Nun setzte mein Verstand fast vollkommen aus. Eben war ich noch bei ganz normalen Hausermittlungen und im nächsten Augenblick fand ich mich in einem tödlichen Alptraum wieder. Dann stieß ich gegen die Wand: Ende. Ich war in der Falle und versuchte so gut wie möglich mich vor den kommenden Tritten mit meinen Armen zu schützen. Doch der Mann trat nicht mehr. In diesem Augenblick gelang mir ein schneller Blick auf meinen Angreifer und was ich sah, ließ mich fast verzweifeln. Der Mann griff in seinen Hosenbund und zog eine Pistole heraus. Jetzt war ich es, der den anderen überraschte. Vermutlich einzig allein von der Todesangst getrieben, gelang es mir aufzuspringen und auf den Fremden zuzuhechten. Ich sah noch sein erschrockenden Gesichtsausdruck, als wir im nächsten Moment beide auf dem Boden landeten. Ich hatte schon im Flug nach der Hand mit der Pistole gegriffen und tatsächlich war es mir sofort gelungen, die Waffe zu entreißen. Glücklicherweise schien ich dem anderen körperlich überlegen. Ich rollte mich auf ihn und schlug ihm mit seiner eigenen Waffe mehrmals ins Gesicht. Als er schützend seine Hände davor nahm, drückte ich mich rasch hoch, zielte mit der Waffe auf ihn und schrie den Mann an: „Halt! Polizei!“ Mehr fiel mir beim besten Willen in diesem Moment nicht ein. Doch meine Worte schienen anscheinend etwas bewirkt zu haben. Der Mann blieb regungslos liegen. In seinen Augen las ich einzig und allein Hass. Ich versuchte wieder klar zu denken. Mit schnellen Blicken verschaffte ich mir einen Überblick. Von meiner Position aus konnte ich sowohl in das Bad als auch in das Wohnzimmer blicken. Bis auf die Frau sah ich niemanden. Mehr Zimmer schien es nicht zu geben. Mit langsamen Schritten begab ich mich ins Badezimmer, ohne dabei den Mann aus den Augen zu verlieren. Meine ersten Befürchtungen bestätigten sich. Sowohl der leere Gesichtsausdruck als auch die vielzähligen Verletzungen ließen keinen anderen Schluss zu. Die junge Frau war tot. Wahrscheinlich erst wenige Stunden. Unsicher näherte ich mich wieder dem am Boden Liegenden. „Was ist hier los?“ Der Mann antwortete nicht. „Steh' auf!“, schrie ich ihn an. Er kam meiner Aufforderung langsam nach. Ich bedeutete ihm, ins Wohnzimmer zu gehen. Er schritt langsam voran und blieb schließlich vor einem Sessel stehen. „Setz' dich!“, befahl ich ihm. Der Mann gehorchte und fixierte mich mit kalten Augen. Ich wiederholte meine Frage, was hier passiert sei. Der Fremde lächelte plötzlich. Ein absolut unpassendes, arrogantes Lächeln. Sich das Blut wegwischend, das aus seiner Nase über seine Lippen lief, flüsterte er: „Was geht dich die Schlampe an, Bulle?“ Im Nachhinein kann ich gar nicht sagen warum, aber ich schoss. Ohne dass ich angegriffen wurde, ohne dass für irgendjemanden eine akute Gefahr bestand und vor allem: ohne rechtliche Grundlage schoss ich. Es war nur ein Schuss. Das Projektil musste den Mann irgendwo in seinem Oberkörper getroffen haben. Er sackte einfach nach vorne. Er schien noch etwas sagen zu wollen, doch nur ein leises Röcheln verließ seine Lippen. Sein Oberkörper sank soweit nach vorne, dass er endgültig das Gleichgewicht verlor und auf den Boden rutschte. Ich ging um den Mann herum und setzte mich an seiner Stelle auf den alten Sessel. Wortlos sah ich zu, wie der Fremde sein Leben aushauchte. Er zuckte noch einige Mal leicht, dann blieb er reglos liegen. Nur eine kleine Blutlache bildete sich unter dem Leichnam; auf den ersten Blick kaum wahrnehmbar.


Ich kann nicht mehr sagen, wie viel Zeit vergangen war, doch als ich wieder halbwegs klar denken konnte, fing ich an zu überlegen, was ich nun tun sollte. Ich hatte eigentlich nur drei Möglichkeiten: mich stellen und die Wahrheit sagen, mich stellen und eine Notwehrsituation fingieren oder mich einfach aus der Wohnung verdrücken, bevor die Polizei hier erschien. Denn sicherlich hatte jemand den Schuss gehört und die Kollegen schon alarmiert. Es blieb mir also keine Zeit und mir war sofort klar, dass die Wahrheit mich verdammt schnell ins Gefängnis bringen würde. Und der Fakt, dass es sich bei dem Toten um einen Frauenmörder handelte, würde sich für mich vor Gericht nicht begünstigend auswirken, das wusste ich. Es blieben also nur zwei Möglichkeiten. Die Waffe noch immer in der Hand haltend, überlegte ich...

 

© 2008 Heiko Vesper

to Top of Page